Beruflich
Nach meiner Schulzeit legte ich vorerst eine "Schöpfungspause" ein, um mein weiteres Leben gut zu überdenken und habe den Entschluss, Welthandel zu studieren dann doch fallen gelassen. In dieser Zeit wollte ich meinem Vater aber nicht mehr ständig auf der Brieftasche liegen und war auf der Suche nach einem gemütlichen Teilzeitjob, wo Freizeit nicht zu kurz kam und zumindest der Nachmittag dem Vergnügen in der Natur gesichert gewesen wäre.
Es kommt meist anders als man denkt. Bei der Bewerbung für so einen Job in der Versicherungswirtschaft geriet ich an einen lieben, aber doch sehr zielorientierten Personalchef, der angesichts meiner schulischen Ausbildung meinte, dass er einen wesentlich besseren Job zu vergeben hätte und schon war ich als Sachbearbeiter im Bereich Schaden bei der Anglo - Elementar Versicherung in Salzburg engagiert. Schluss mit Freizeit, Lernen war wieder angesagt. Bürgerliches Recht, Sozialversicherungsrecht, spartenspezifische Bedingungen und vor allem Versicherungsrecht versüßten nun meine Freizeit. Ich war ja lernwillig und auch sehr ehrgeizig, der schnöde Mammon der damit zu lukrieren war, gab den Rest an Vorschub um rasch zu reüssieren.
Nach 2 1/2 Jahren der Bewährung und fast endlosen Nächten der freiwilligen Bildung, einigen sehr erfolgreich absolvierten Kursen war es endlich so weit, ich war dafür geeignet, ein eigenes Referat zu übenehmen. Die Arbeit und vor allem die Freiheit, sich die Arbeit selbst ziemlich frei einzuteilen begeisterte mich. Und in den Sparten Haftpflicht, Unfall und KFZ war ich ja sehr souverän und erfolgreich unterwegs.
Es gab da leider nur eine kleine Hürde, just in dem Zeitraum in dem ich das Referat übernehmen sollte, tauschte die Comercial Union mit der Allianz Gruppe das Aktienpaket der Anglo Elementar. Und aus bilanztechnischen und Einsparungsgründen wurde mein Referat aufgelöst.
Als kleiner CO - Referent wollte ich nicht enden, hatte aber das Glück, dass die Erste Allgemeine auf mich aufmerksam geworden war und mich unbedingt abwerben wollte. Die schlechte Nachricht, wie es um mein eigenes Referat bestellt war welches ich übernehmen sollte, hat mir mein damaliger Vorgetzter sehr offen und ehrlich gestanden. Und ich war auch offen und ehrlich und flüsterte ihm die Abwerbungsversuche der Konkurrenz.
Was ich heute noch unheimlich schätze, war damals seine Offenheit, er war es, der mich auch noch ermutigte, den Brötchengeber zu wechseln.
Da ich wusste, dass mich die Erste Allgemeine unbedingt haben wollte, begann nun ein langer Poker um das Gehalt und ich habe alle Warnungen und Ratschläge meiner lieben Kollegen beherzigt. Nur das geschriebene Wort und unterschriebene, klare Vereinbarungen waren mein Ziel. Darum gestalteten sich die Verhandlungen auch sehr zäh und dauerten 2 Monate, auch deswegen, weil ich mit meinen unverschämten Forderungen ein Gehaltsschema sprengte. Schlussendlich habe ich aber meinen Schädel in den oftigen und sehr zähen Verhandlungen durchgesetzt und heuerte bei der Ersten Allgemeinen Versicherung im Juni 1978 an.
Die Arbeit befriedigte mich nicht besonders, ich war im KFZ - Kleinschadensbereich tätig, mein Pouvoir war gemessen an dem meines vorigen Brötchengebers geradezu lächerlich. Dafür wurde ich aber oft infolge von Personalengpässen über Gebühr mit Arbeit versorgt, die einen 12 Stundentag notwendig machten. Zur Belohnung stieg dafür mein Gehalt entsprechend an und ich landete so nebenbei in der Betrugsbekämpfung, ein Amt welches mir zwar lag, aber doch sehr belastend war, schließlich taten sich vor meinen Augen plötzlich menschliche Schicksale auf, die ich bisher nicht kannte und war sogar verlockenden Bestechungsversuchen ausgesetzt. Was mich aber noch mehr belastete, war der Umstand, dass ich mich plötzlich in einem Milieu der Kriminalität bewegen musste und die dafür nötigen Schnittstellen zu den Behörden noch nicht vorhanden waren.
Sehr gerne folgte ich daher damals den Rufen meines späteren Betriebsleiters in das Ressort Rechtsschutz, ebenfalls im Bereich Schaden. Das war wohl die schönste und angenhmste Zeit meines Wirkens in der Branche. Als "Interventsionsbeamter" hatte ich nicht nur unsere Kunden zu betreuen sondern auch unsere Anwälte zwischen Mittersill und Braunau, war die meiste Zeit unterwegs und nur an 2 Tagen im Büro. In dieser Zeit knüpfte ich auch viele Freundschaften zu Kolleginnen und Kollegen bei anderen Anstalten, fand viele Dinge, die unseren gemeinsamen, beruflichen Umgang ungemein erleichterten und nur ein wenig gegenseitiges Vertrauen voraus setzten. Schön ist, dass ich heute sagen kann, dass diese gegenseitigen Erwartungen niemals getrübt wurden. Und eines Tages führte ich mit meinem Betriebsleiter, den ich nächtens bei der Arbeit auch immer in der Firma antraf (er war ein Worcaholic) ein langes Gespräch über Zukunftsperspektiven in der eigenen Anstalt. Und ich begann den seinerzeit vereinbarten Arbeitsvertrag mit all seinen (unterschriebenen) Versprechungen für meine Vorrückungen zu überdenken. Er hatte mir dringend geraten in den Verkauf zu gehen, hat mich geradezu beschworen, es zu tun. War aber keine leichte Entscheidung für mich, Verkauf war für mich damals eher negativ belegt.
Und genau zu dieser Zeit war mein Aussendienstchef auch hinter mir her. Wir hatten eine sehr ähnliche Einstellung, die in vielen beruflichen und auch privaten Angelegenheiten kongruent waren. Der gemeinsam ausgeübte Sport hatte uns einander immer näher gebracht und er wollte mich unbedingt auch in der gemeinsamen beruflichen Sphäre haben. Damit begann wieder ein langer Zeitraum des Feilschens um Geld, denn nur wenn ich genug ins Verdienen brächte, wollte ich mein berufliches Umfeld wechseln. Es dauerte geschlagene 2 jahre, bis wir uns endlich einigten, und plötzlich sah ich mich in einem schlichten Büro, in dem mir schlagartig niemand mehr Arbeit brachte, sondern ich mir diese selber suchen musste. Für mich ein Erlebnis mit globalen Unlustgefühlen, welches ich wohl nie vergessen werde. 2 Wochen brütete ich vor mich hin, hatte oft den Gedanken, ich hätte für mein weiteres Leben die falschen Weichen gestellt. Aber nach 2 Wochen reifte in mir der Gedanke, wenigstens in Schönheit zu sterben, wenn es denn unbedingt sein musste, und ich begann endlich die oft mit sehr kleinen Buchstaben nieder geschriebenen Versprechen des Unternehmens zu verkaufen.
Eine Versicherung zu verkaufen ist ja nicht so einfach, der Kunde hat ja ad hoc nichts in der Hand, er kauft lediglich ein Leistungsversprechen für die Stunde Null. Und so ein Leistungsversprechen schmackhaft zu machen bedarf doch eines sehr intensiven Kennenlernens der Kunden. Und da war ich plötzlich im Geschäft erfolgreich, ich kannte meine Kunden, ich schätzte sie und unsere Begegnungen fanden sehr oft auf einer sehr menschlichen Ebene, aber immer auf Augenhöhe statt. Für die meisten war ich nicht nur der "Betreuer der Versicherung", sondern auch ein Freund, der sich kümmert wenn man ihn braucht und der zu jeder Tageszeit ein offenes Ohr für Probleme hatte, auch wenn sie oft so absolut nichts mit meinem Beruf zu tun hatten.
Die Lehren daraus, die ich an viele Azubis und Juniorpartnern in der vergangenen Zeit gerne weiter gab, haben noch immer Gültigkeit.
Vor dem Verdienen kommt das Dienen.
Im Geschäft wie auch im privaten Bereich ist Anstand und Ehrlichkeit das Maß aller Dinge.
Beachte die 20 / 80 Regel. 80% Smalltalk und 20% Geschäftliches reichen, belaste deinen Kunden nicht mit beruflichen Geschwafel und markiere nicht den Privatgelehrten.
Ein Verkaufer, der sein Produkt nicht oder nur unausreichend kennt, sollte die Finger vom Verkauf lassen. Kenne dein Produkt!
20% deiner Kunden bringen dir 80% deines Verdienstes, widme diesen daher auch mindestens 80% deiner Zeit.
Mit dem Verkaufen ist es nicht getan, du musst deine Kunden im Schadensfall auch bestens betreuen. Das setzt voraus, dass du mindestens das gleiche Wissen hast, wie der Personenkreis, der den Schaden dann bearbeitet.
Retrospektiv gesehen, war mein berufliches Leben eine sehr angenehme Zeit. Mein letzter Arbeitgeber, für den ich noch im Angestelltenverhältnis tätig war, zeichnete sich durch eine sehr hohe soziale Kompetenz aus. Es ist ein Unternehmen für das auch heute noch mein Herz schlägt und welches seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein Arbeitsklima schafft, in dem sie sich leicht selbst verwirklichen können. Es ist eine Firma, die ihr Humankapital sehr hoch bewertet, sie aber nicht einsetzt wie Aktien. Fast alles was ich mir an beruflicher Erfahrung in den letzten 30 Jahren zusammen getragen habe, entstammt einer lustvollen Tätigkeit, auch wenn diese manchmal als Belastung gesehen wurde. Wissen ist leider nicht vererbbar, es muss immer wieder neu zusammen getragen werden und im Laufe der Jahre wird daraus Erfahrung. Und die ist in diesem Beruf unabdingbar.
Diese Erfahrung gebe ich heute in meiner immer noch freiberuflichen Aktivität mit Freude weiter, ich habe ja nicht die Fronten gewechselt, ich habe nur die Art der Zusammenarbeit neu beordert und arbeite trotz Alterspension noch sehr gerne weiter.
Und schöne Hobbies habe ich ja auch und kann denen heute ausreichend Zeit widmen - so entsteht dann oft "Pensionistenstress" 🤭